Zusammen (d)rücken im Landkreis Günzburg
Sie setzen sich neben weiteren Initiatoren dafür ein, dass möglichst viele Menschen im Landkreis Günzburg sich zutrauen, im Falle eines plötzlichen Herzstillstandes zu handeln und eine Herzdruckmassage anzuwenden (von links): Roland Grimm, Thomas Schulze, Dr. Björn Tauchmann, PD Dr. Gregor Kemming. Foto: KAPPELMEIER Fotografie
In Deutschland erleiden jährlich etwa 65.000 Menschen einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand im öffentlichen Raum oder im häuslichen Umfeld, die vom Rettungsdienst wiederbelebt werden können. Dieser trifft im Schnitt sieben Minuten nach der Meldung an die Integrierte Leitstelle (Telefon 112) ein. Derzeit hat ein solcher Mensch eine Überlebenschance von zehn bis elf Prozent mit guter Erholung. Das ist eine Quote, mit der sich beispielsweise der Ärztliche Direktor der Kreiskliniken Günzburg, PD Dr. Gregor Kemming, nicht anfreunden mag. „Inakzeptabel niedrig“, sagt er und schickt sich an, mit vielen weiteren Mitstreiterinnen und Mitstreitern dies für den Landkreis Günzburg zu ändern.
Den Unterschied machen die Zeugen dieses plötzlichen Herzstillstandes aus: Angehörige, Freunde, Bekannte oder zufällig anwesende Personen. Die Ersthelferrate lag vor zwei Jahrzehnten noch bei 20 Prozent. Die gute Nachricht: Nach den Daten des deutschen Reanimations-Registers hat die Quote inzwischen schon etwa 50 Prozent erreicht. „Nur wenn wir diese Ersthelferrate noch mehr steigern können, haben wir eine Möglichkeit, die Überlebenschance der Patienten nachhaltig zu verbessern. Und hier greift die Initiative We make the heart beat“, so Kemming.
In einem ersten Schritt mit Kids make the heart beat seien innerhalb eines Jahres 350 Multiplikatoren gewonnen worden, die an den weiterführenden Schulen im Landkreis an eine jüngere Generation ihr Wissen und ihre Haltung zu einer Wiederbelebung weitertragen. „Zuletzt am Internationalen Wiederbelebungstag Mitte Oktober haben 680 Schülerinnen und Schüler aus 33 Schulklassen an zwölf beteiligten Schulen des Landkreises auf Initiative unserer Gruppe und des Staatlichen Schulamtes davon profitiert und Bereitschaft gezeigt, Wiederbelebung zu erlernen und zu trainieren“, zieht der langjährige Notarzt Bilanz.
Bei Clubs make the heart beat sollen über Mitmachaktionen in größeren Sportveranstaltungen die Sportlergemeinde und das Publikum adressiert werden. Ein weiterer Baustein des Masterplans wird in den politischen Gremien der Städte und Gemeinden platziert mit dem Ziel, Communities make the heart beat zu aktivieren. Genutzt werden sollen dabei die Vorbildfunktionen der auf lokaler und regionaler Ebene agierenden Persönlichkeiten, um in den Kommunen selbst das Wissen um die Wiederbelebung und die Bereitschaft, im Fall des Falles zu handeln, zu steigern. Der Vorschlag dafür kommt aus den Reihen des Dialogforums Schwäbische Horizonte (DSH), das vor wenigen Tagen in Roggenburg (Kreis Neu-Ulm) zu einem öffentlichen Vortrag eingeladen hatte. Auch viele Bürgermeister trugen sich in die Gästeliste ein. Am Ende der Veranstaltung stellte Kemming die Aktion vor und lud dazu ein, sich selbst an sogenannten Phantomen (Oberkörper von Trainingspuppen) zu versuchen. Mit Hilfe einer Software wurde deutlich, welcher der maximal sechs gleichzeitig Übenden sich nach zwei Minuten am geschicktesten angestellt hatte. „So etwas ganz praktisch zu erfahren – auch die eigene Anstrengung, die mit 100 bis 120 Kompressionen in der Minute verbunden ist, halte ich für ausgesprochen wertvoll“, sagt Kemming.
Viele dem Gemeinwohl verpflichtete Organisationen, allen voran das Schulamt, die Kreiskliniken Günzburg-Krumbach, der Landkreis, die Gesundheitsregion plus und das Rote Kreuz im Kreis Günzburg sowie der Lions Club Günzburg und politische Vertreter der Region stehen hinter dieser Idee mit dem gemeinsamen Wunsch, die Welt „um uns herum besser zu machen“ (Kemming).
Das Bayerische Rote Kreuz, Kreisverband Günzburg, hat in Person ihres Vorsitzenden Hans Reichhart senior während des Dialogforums Dr. Kemming zugesagt, einen entscheidenden Beitrag für die Verbreitung der Kampagne zu leisten. Die Bereitschaften werden Reichhart zufolge – wenn dies gewünscht ist – beispielsweise im Anschluss an Gemeinde- und Stadtratssitzungen über die Reanimation per Herzdruckmassage und Defibrillatoren, über die bereits viele Kommunen im Landkreis verfügten, informieren und anleiten, wie Wiederbelebung funktioniert. Bei Veranstaltungen zu der Thematik werde man ebenfalls zur Verfügung stehen.
In diese kommunale Schiene sollen auch die Feuerwehren nach Reichharts Vorstellung eingebunden werden. „Wir werden einen entsprechenden Vorschlag machen, wie hier durch eine Zusammenarbeit der Blaulichtorganisationen die Gesellschaft profitieren kann. Ich werde mit Kreisbrandrat Stefan Müller darüber sprechen und hoffe, dass er die Initiative unterstützt.“ Denn oft genug seien die Feuerwehren noch vor allen anderen Hilfskräften die Ersten am Ort eines Unfalls oder Unglücks.
Der Intensivmediziner Kemming freut sich „unbandig“, wie er sagt, über dieses Miteinander und bringt den Heimatbegriff ins Spiel. „Heimat ist dort, wo man gerne ist – dort, wo man füreinander einsteht und gemeinsam für die Menschen der Region die Lebensperspektive verbessern möchte. Wir versuchen das und (d)rücken zusammen im Landkreis Günzburg.“