Wie ein Arbeitsplatztausch für einen Tag die Augen öffnet
Auch Betten machen will gelernt sein: Vanessa Willmy von der Wäscherei der Dominikus-Ringeisen-Werkstätten (Mitte) bei ihrer Hospitanz in der Klinik Krumbach. Begleitet wurde sie von Christina Maucher (links, Fachbereichsleitung Pflege) und von der Pflegefachhelferin Türkan Celik. Fotos: Bayram Er/Dominikus-Ringeisen-Werk
Es ist ein bundesweiter Aktionstag, an dem sich auch im Landkreis Günzburg neun Einrichtungen und Unternehmen gemeinsam mit dem Dominikus-Ringeisen-Werk (DRW) beteiligt haben: Der „Schichtwechsel“ – ein Arbeitsplatztausch von Menschen mit und ohne Behinderungen.
Das DRW und die Kreiskliniken Günzburg-Krumbach haben in dieser Woche gleich zwei Tage daraus gemacht: Am Mittwoch war Vanessa Willmy zu Gast in der Klinik Krumbach und hat auf Station 5 (Geriatrie) miterlebt, was den Beruf einer Pflegefachhelferin ausmacht. Genau diese Tätigkeit übt Celik Türkan aus. Viel hat sie der „Mitarbeiterin für einen Tag“ gezeigt. „Die beiden haben sich prima verstanden“, findet Christina Maucher, Fachbereichsleitung Pflege in der Klinik. Gemeinsam mit Celik Türkan hat sie die Hospitantin des DRW begleitet und betreut.
Einen Tag später folgte dann der Orts- und Aufgabenwechsel: Dann fand sich die die Klinik-Fachbereichsleiterin plötzlich in der Wäscherei des DRW wieder. Und Vanessa Willmy hatte ein Heimspiel, denn sie arbeitet seit 15 Jahren dort.
Doch der Reihe nach: Vanessa Willmy hätte sich wohl vor einiger Zeit auch nicht vorstellen können, just große Teile ihres 38. Geburtstags als Pflege-Mitarbeiterin in der Klinik Krumbach zu verbringen. „Es war eine interessante Erfahrung“, wie sie im Rückblick sagt: „Ich konnte bei der Versorgung der Patientinnen und Patienten unterstützen, Betten neu beziehen und bei der Essensausgabe mithelfen. Das hat mir sehr viel Freude gemacht.“ Vanessa Willmy hat sich für die Aktion gemeldet, um neue Erfahrungen und Eindrücke zu sammeln. Normalerweise kümmert sie sich in der Wäscherei um die Weiterverarbeitung der frisch gewaschenen Handtücher und Waschlappen.
Insgesamt bearbeiten rund 60 Mitarbeitende mit und ohne Behinderung fast fünf Tonnen Wäsche pro Tag. Ein Großteil der Aufträge kommt aus dem Dominikus-Ringeisen-Werk. Daneben bedient die Wäscherei Ursberg auch externe Geschäftskunden.
Welche Dimensionen das hat, erfuhr Christina Maucher am Donnerstag. „Das ist schon eher eine Waschstraße als eine Wäscherei“, sagt sie nach ihrem Besuch augenzwinkernd. Über ihren außergewöhnlichen Arbeitstag urteilt die Pflege-Fachbereichsleiterin: „Es war total toll. Ich habe so viele nette Leute kennengelernt.“ Aufgefallen ist ihr, mit wie viel Spaß die Menschen ihre Arbeit verrichten „und dabei überaus produktiv sind“. Vielleicht auch gerade deswegen.
In Gesprächsrunden wurde Maucher dann schnell bewusst, „wie interessiert die Leute an meinem Beruf waren. Sie haben mich regelrecht Löcher in den Bauch gefragt.“
Beim Aktionstag „Schichtwechsel“ der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) tauschen behinderte und nicht Menschen ihren Arbeitsplatz: Beschäftigte aus Werkstätten lernen Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes kennen, während Mitarbeitende aus Unternehmen Einblicke in die Arbeit von Werkstätten erhalten. Ziel sind Begegnungen auf Augenhöhe, neue berufliche Erfahrungen und der Abbau von Vorurteilen.
Deutschlandweit ist die Aktion in den vergangenen Jahren stark gewachsen: 2025 beteiligten sich rund 370 Werkstätten und insgesamt 4.800 Menschen.
Das Dominikus-Ringeisen-Werk (DRW) macht 2026 zum dritten Mal an der Aktion „Schichtwechsel“ mit. Rund 20 Beschäftigte aus den Dominikus-Ringeisen-Werkstätten erhalten einen Einblick in ganz unterschiedliche Unternehmen, Institutionen und Einrichtungen. Mit dabei waren in diesem Jahr neben den Kreiskliniken Günzburg-Krumbach die Zimmerei Dornmair aus Neuburg an der Kammel, der Bezirk Schwaben mit Bezirksrat Volkmar Thumser, die Feuerwehr und Stadt Krumbach mit Bürgermeister Florian Kaida, das Ringeisen-Gymnasium, die Kögel Trailer GmbH aus Burtenbach, Holzschnitzereien Haiß aus Thannhausen und die Sortimo International GmbH mit Sitz in Zusmarshausen (Landkreis Augsburg).
Werner Tyrychter, Leiter der Integrationsbegleitung der Dominikus-Ringeisen-Werkstätten, sieht im „Schichtwechsel“ einen Gewinn für beide Seiten: „Der bundesweite Aktionstag macht sichtbar, welche Fähigkeiten Menschen mit Behinderungen in das Arbeitsleben einbringen. Außerdem sensibilisiert er Betriebe, Einrichtungen und deren Mitarbeitende zum Thema Inklusion und den Belangen von Menschen mit Behinderungen.“
Für Angela Mändle, Direktorin Klinikmanagement in der Klinik Krumbach, war es „Ehrensache“, als Krankenhaus dabei zu sein, zumal die Zusammenarbeit zwischen Krumbach und dem DRW in Ursberg ausgebaut wird: Im Krankenhaus entsteht eine Station für die akute somatische Versorgung von Menschen mit komplexen oder mehrfachen Behinderungen. „Wie sich gezeigt hat, gibt es mit diesem Schichtwechsel, der auch ein Perspektivwechsel ist, nur Gewinner“, sagt sie und ergänzt: „Im kommenden Jahr wiederholen wir das gerne.“
Die Freude über diese neue Erfahrung steht ihnen ins Gesicht geschrieben (von links): Christina Maucher (Klinik Krumbach) und Vanessa Willmy (Dominikus-Ringeisen-Werkstätten) in der großen Wäscherei in Ursberg. Foto: Bayram Er/Dominikus-Ringeisen-Werk